Interview: Was bedeutet das Kongress-Motto?

Interview: Was bedeutet das Kongress-Motto?

Deutscher Ärztekongress für Homöopathie, 25.-28. Mai 2022 – Präsenz in Münster & Online

Interview mit Andreas Holling, Arzt für Allgemeinmedizin – Homöopathie – aus Münster, er ist einer der Organisatoren des Kongresses.

Was bedeutet für Sie das Kongress-Motto „HOMÖOPATHIE: ÖKOLOGISCH – NACHHALTIG – WISSENSCHAFTLICH“?

Das Motto möchte die Homöopathie in die Mitte unserer Gesellschaft verorten. Alle diese drei Punkte sind im Fokus allgemeiner Diskussion. Die Homöopathie ist in der Bevölkerung allseits beliebt und kann zu diesen zentralen Themen wesentlich beitragen.

  1. Die Krise der natürlichen Ökosysteme, das Artensterben, der Klimawandel – das alles wird parteiübergreifend und breit gesellschaftlich diskutiert und hat eine hohe Priorität. Das Wissen über die komplexen Zusammenhänge natürlich gewachsener Lebensgemeinschaften in Natur und Landwirtschaft ist Allgemeingut geworden. Vielfalt in der Natur im Gegensatz zu Monokultur ist die wesentliche Resource für Vitalität und gesunde Selbstregulation. Und das gilt auch für den Menschen und seine Gesundheit. Damit liegt die Homöopathie mit ihrem holistischen Markenkern und dem Blick auf die Selbstregulation voll im Trend. Der ökologische Blick, d.h. die Wertschätzung und Berücksichtigung aller zu Gesundheit und Krankheit beitragenden Faktoren und Systemelementen (bio-psycho-sozial) ist ein wesentliche Beitrag der Homöopathie für eine menschengemäße und eben auch nachhaltige Medizin. Das steht aktuell in Spannung zu dem aktuell herrschenden Paradigma der medikamentösen und technokratischen Beherrschung und Kontrolle der Gesundheit. 
  2. Nachhaltigkeit medizinischer Behandlungen ist für die Homöopathie kein Fremdwort. Sie schaut mehr als die konventionelle Medizin auf die chronischen Krankheiten und die Langzeitverläufe. Viele Patienten suchen Homöopathen auf, wenn sie im Verlauf zwar anfängliche Erleichterungen z.B. durch konventionelle Medizin erfahren haben, aber langfristig keine Perspektive sehen bzw. erleben. Dafür stehen Homöopathen. Sie sehen die chronische Krankheit als überwindbar an. Homöopathie ist dafür bekannt, dass sie ausgehend von einem anders gearteten Ansatz, wirkliche Selbstheilung in Gang bringen bzw. verbessern kann. Dies führt langfristig zur gesundheitlichen Autonomie und ist naturgemäß sehr nachhaltig.
  3. Und der dritte Punkt – die Wissenschaftlichkeit. Das möchten wir herausstreichen. Die Homöopathie kann ihre Wirksamkeit belegen und das mit allgemein anerkannten Prüfverfahren und Studien. Das fängt mit der Grundlagenforschung an, geht über die kontrollierten Studien bis hin zur Versorgungsforschung. Der wissenschaftlicher Strang des Kongresses wird das demonstrieren. Daneben gibt es aber auch eine immanente homöopathische Wissenschaft, die ihre eigenen Begriffe und Instrumente besitzt. Es gibt verschiedene Methoden und Zugänge. Diese sind für den homöopathischen Praktiker ungemein wichtig, weil mit diesem Wissensaustausch und den damit einhergehenden Diskussionen das Handwerkzeug eines Homöopathen geschärft wird. Auch das gehört zur Wissenschaftlichkeit der Homöopathie. Die Homöopathie ist keine Glaubenslehre oder Esoterik. Sie besitzt eine vielfältige innere Wissenschaftkultur. Jeder Kongress lebt vom Zusammentragen von Erfahrungen, die Homöopathen im Labor ihrer eigenen Praxis machen. Homöopathische Wissenschaft ist Symptomwissenschaft und findet weniger im Chemielabor oder Radiologiezentrum statt. 

Hat die Homöopathie Lösungsansätze für die medizinischen / gesundheitlichen Probleme einer globalisierten Welt?

Meiner Meinung nach ja. Die Globalisierung hat ja zu einer extremen weltweiten Arbeitsteilung und Spezialisierung menschlicher Tätigkeiten geführt. Das führt automatisch zu mehr Abhängigkeiten, was im Rahmen der aktuellen Pandemie z.B. zu Brüchen der Lieferketten etc. geführt hat. Gleichzeitig sehen wir eine bedrohliche Zentralisierung und damit einhergehend zentrale Steuerung aller Vorgänge im Gesundheitssystem. Gleichzeitig dominiert die Lobbyarbeit mächtiger kommerzieller Interessenvertreter den medizinischen Alltag.

Die relativ preiswerte Homöopathie steht von Natur aus für die Stärkung dezentraler Strukturen. Sie hat die Autonomie des einzelnen Mensch zum Ziel. Homöopathische Mittel sollen durch das Wirkprinzip der Hormesis (griech.: „Anregung, Anstoß“) die Selbstregulation verbessern bzw. wieder in Gang bringen. Abhängigkeiten von z.B. Medikamenten sollen z.B. vermindert werden. Eine globalisierte Welt braucht ein Gleichgewicht von Autonomie und zentraler Regulation, wie wir das in allen biologischen Systemen auch sehen. Organe und Zellen haben glücklicherweise eine gut ausgebildete Autonomie, ohne die unser Organismus nicht funktionieren würde. 

Ebenso hat die Homöopathie von ihrem historischen Anfang an schon bewiesen, dass sie in der Lage ist, epidemische Krankheiten, welche sich aktuell gerade durch Globalisierung schneller ausbreiten, durch Anregung der Selbstheilungskräfte zu behandeln. Diese Intervention zielt ähnlich wie eine Impfung nicht auf die Vernichtung eines Virus, sondern auf die bio-psycho-soziale Gesundheitskompetenz des Menschen und kann damit zur Bewältigung einer Epidemie wesentlich beitragen. Das konnten aktuell insbesondere unsere indischen Kollegen auch durch größere Studien belegen.

Warum ist Homöopathie ökologisch?

Sie ist ökologisch, weil sie schon immer die Gesamtheit der Phänomene einer Erkrankung in den Blick genommen hat. Die Homöopathie ist aus ihrem Ursprung her systemorientiert. Sie hat immer schon komplexe Wechselwirkungen und Zusammenhänge von Phänomenen einer Krankheit adressiert. Die Entscheidung z.B. für eine Arznei war immer schon von der Identifizierung z.B. allgemeiner Symptome, Modalitäten etc. – also der Identifikation eines roten Fadens in den Details einer Krankheit abhängig.

Mit Viren und Bakterien leben – warum thematisieren Sie dies auf einem Homöopathie Kongress?

Dies thematisieren wir, um den Blick eben auf diese ökologischen Zusammenhänge zu lenken. Niemand leugnet heutzutage die Bedeutung des Mikrobioms für unsere Gesundheit. Erst in der gelungenen Auseinandersetzung mit Bakterien und Viren baut sich eine Gesundheitskompetenz auf. Das Immunsystem wird überwiegend im Darm und and der Haut trainiert. Langfristiges Ziel einer guten Gesundheit, ist die Fähigkeit der Koexistenz mit der Welt der Mikroben und Viren. Diese gab es schon lange vor dem Menschen und gehören zu unserer konstituierenden Umwelt wie Sauerstoff und Nahrungsmittel. Man kann die Gesundheit eines Menschen mit einem gesunden Garten vergleichen. Dort weiß inzwischen jeder, dass eine gute Kompostwirtschaft und ein guter Boden mit ausgeglichenem Pilz- und Bakterienwachstum die Voraussetzung für gesundes Wachstum und Resistenz gegen Krankheiten darstellt.

Pathogene Keime sind da sozusagen besondere Herausforderungen, an denen sich das System bewähren kann. Homöopathen nutzen sogar die sogenannten Nosoden für die Therapie. Bakterien und Viren sind in den Augen von Homöopathen keine Feinde, die man vernichten oder ausrotten muss. Gute Vitalität läßt uns Menschen mit der übrigen Natur koexistieren.

Nehmen Sie auch Bezug zu Covid-19?

Auch Covid-19 wird thematisiert, wie aktuell wohl jeder gesellschaftliche Bereich das tut. Hier werden wir die Erfahrungen bei der Behandlung der akuten als auch chronischen Erkrankung austauschen. Dazu gehört auch die Behandlung von psychischen Folgen und Impfkomplikationen. Covid-19 ist ganzheitlich betrachtet eben nicht nur eine rein körperliche Erkrankung. Die Psychoimmunologie hat nachgewiesen, dass z.B. Ängste einer der großen Risikofaktoren für die Entwicklung eines schweren Verlaufes der Krankheit darstellen.

Was verbinden Sie mit Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens?

Münster, die Stadt in der ich Medizin studiert habe und seit 1987 niedergelassen bin, ist mir natürlich sehr vertraut. Sie steht historisch für die Anfänge der Homöopathie. Clemens Maria Franz von Bönninghausen hat hier gewirkt, seine Söhne haben seine Arbeit fortgesetzt. Die ersten Repertorien wurden hier gedruckt. Damit gibt es in Münster und im Münsterland eine lange homöopathische Tradition. 

Noch historischer steht die Stadt aber für die Verhandlungen zum Frieden nach dem 30-jährigen Krieg. Darauf ist die Stadt besonders stolz und das historische Rathaus in dem das stattfand, ist noch am gleichen Ort zu besichtigen. Angesichts der aktuellen massiven Diskussionen um die Homöopathie bietet sich Münster auch symbolisch an, die Auseinandersetzung mit Respekt und Toleranz für die jeweils andersartige Sichtweise zu führen. Das bezieht sich nicht nur auf die gesundheitspolitische Diskussion. Bei aller Vielfalt braucht es auch ein kultiviertes Ringen um Einheit und Standards innerhalb der Homöopathie.

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Kongress-Informationen

Der Kongress findet in Münster statt, jedoch corona-bedingt mit einer begrenzten Teilnehmerzahl und weietren Auflagen. Um vielen an der Homöopathie interessierten Therapeuten die Teilnahme zu ermöglichen, wird der Kongress auch online angeboten. CME Punkte sind bei der Ärztekammer beantragt, für das Homöopathie-Diplom werden bis zu 20 Punkte vergeben.

Der jährlich stattfindende Ärztekongress für Homöopathie des DZVhÄ ist Höhepunkt der Homöopathie-Fortbildung und Treffpunkt aller, die sich mit dem Thema Homöopathie beschäftigen. Rund 600 Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete, Tiermediziner*innen und Pharmazeut*innen treffen auf dem Kongress auf Verlage, Hersteller, Softwareanbieter und Praxiseinrichter. Alle Informationen zu Referent*innen, Themen und zur Teilnahme an diesem Kongress in Corona-Zeiten finden Sie auf https://2022.homoeopathie-kongress.de/ Zur Anmeldung.

Foto: Andreas Holling, Arzt für Allgemeinmedizin – Homöopathie – aus Münster, er ist einer der Organisatoren des Kongresses